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Interview mit Die Krupps / Jürgen Engler -
Anfang der neunziger Jahre hatte es Jürgen Engler in die USA verschlagen: Zunächst nach New York, später, der Liebe wegen, nach Texas. Dort lebt der Sänger von Die Krupps auch heute noch, produziert in seinem eigenen Studio unzählige Platten anderer Musiker und arbeitet permanent an neuem Material für seine eigene Band. Mit Vision 2020 Vision ist am Freitag das jüngste Album von Die Krupps erschienen, das VOLT zum Anlass für einen Call über den großen Teich nahm. Das Gespräch dauerte letztlich eine ganze Stunde – es gab aber auch viel zu bereden.


Warum eigentlich ausgerechnet Austin, Texas?
Wir drehten mit Joseph Kahn Krupps-Videos in New York. Am Set lernte ich meine spätere Frau kennen. Sie kam aus Dallas, wo ich es nicht so prickelnd fand. Das war da so ähnlich wie in Los Angeles: Eine riesige Stadt ohne ein richtiges Herz oder Zentrum. Houston ist auch so. Aber sie ging damals in Austin zur Schule und sagte, ich solle die Stadt mal checken. Ich war sofort begeistert. Tolle Stadt, perfekt, etwa so groß wie Düsseldorf. Super gelegen, sehr mediterran, liberal, mit Square Mile, tollen Bars und Clubs – aber mit Livemusik.

Lebst du in der Stadt oder eher ländlich?
Wie die meisten Amerikaner wohne ich nicht in der Innenstadt. Hier hat jeder sein eigenes Haus am Stadtrand. Also es ist eher ländlich, aber die Stadt liegt vor der Haustür, zehn Minuten entfernt. Ich habe ein schönes Stück Land hier mit 50 Bäumen. Überhaupt ist es sehr grün und schön, und ruhig.

Wie gestaltet sich dort dein Alltag? Machst du noch etwas anderes als Musik?
Ich lebe nur von der Musik. Seit dem Ende der Achtziger schon. Die Krupps ist das eine Ding, das andere ist die Arbeit für Cleopatra Records, wo ich der Hausproduzent bin. Das können pro Monat bis zu 20 Produktionen sein. Zuletzt hatte ich zum Beispiel William Shatner und David Hasselhoff hier. Mein Studio ist direkt im Haus und ich bin da quasi rund um die Uhr beschäftigt.



Und wie war The Hoff so?
Interessanterweise war er sehr offen für neue Sachen, die man vielleicht nicht so von ihm erwartet hätte. Wir haben Coverversionen von Lords Of The New Church, The Jesus And Mary Chain oder Echo And The Bunnymen aufgenommen. Aber auch einen eigenen Song. Die Platte ist gut gelaufen. Habe gesehen, dass sie in Deutschland in den Charts war.

Wieviel Verbundenheit zur alten Heimat ist noch da?
In erster Hinsicht gibt es diese Verbundenheit natürlich durch Die Krupps. Wir haben immer engen Kontakt. Davon ab muss ich ganz ehrlich sagen, dass mich nicht viel nach Düsseldorf oder ins Ruhrgebiet zieht. Auch nicht nach Deutschland oder Europa. Wenn wir auf Tour sind, proben oder eine Platte produzieren, komme ich wirklich gern, mein Herz hängt aber hier in Austin. Hier bin ich glücklich.
Ich bin kein Typ, der der Vergangenheit nachhängt, ich muss immer weiter. Natürlich waren die Jahre in Düsseldorf prägend und wichtig für mich. Den Punk-Geist und meinen jugendlichen Eifer habe ich mir bewahrt. Das fließt immer und überall in meine Arbeit ein.

„Meinen damaligen Lehrern schielte der Nazi noch aus jedem Knopfloch.“


Welche Schlüsselmomente gab es damals in Düsseldorf?
Die gab es hauptsächlich während meiner Schulzeit. Ich war auf dem Geschwister-Scholl-Gymnasium. Als wir 1976 Male gegründet haben, waren wir wie Aussätzige, absolute Rebellen und allen ein Dorn im Auge. Das war die Zeit dieser ganzen Progressive-Rock-Bands, von denen wir uns visuell und musikalisch komplett abgehoben und auch distanziert haben. Kurze Haare: das war skandalös.
Bei unserer ersten Male-Show in der Schulaula haben wir eine Deutschland-Flagge verbrannt. Da kam der Hausmeister mit zwei Wassereimern, und der Lehrerstab war völlig außer sich. Ich möchte behaupten, dass die Hälfte der Lehrerriege noch vom Dritten Reich geschult war, denen schielte der Nazi noch aus jedem Knopfloch. Ein einziger Punk war damals im Publikum, so’n Typ mit Sonnenbrille und Stachelhaaren. Nach dem Konzert kam er hinter die Bühne und es stellte sich heraus, dass er Peter Hein ist, der später die Fehlfarben gegründet hat. Ich war vor einem Jahr noch mal in dem Gymnasium, da konnte ich den Brandfleck sogar noch auf dem Parkettfußboden sehen.

Spielte auch der legendäre Ratinger Hof eine Rolle für dich?
Da sind auch ein paar Dinge passiert, klar, aber das war alles viel später. Als wir anfingen, war das noch eine Hippie-Spelunke mit Teppichen an den Wänden. Von Punk fehlte da jede Spur. Wenn die Leute heute vom Ratinger Hof schwärmen, ist denen meist nicht klar, dass wir da schon lange unterwegs gewesen sind. An Charley‘s Girls oder Mittagspause war noch gar nicht zu denken. Das hatte halt nur niemand dokumentiert. Der bekannte Fotograf Richard Gleim war da auch noch ein Hippie.

„Bei den Punks ging's nur noch um Prollen, Saufen und Abhängen. Nicht mein Ding!“


Warum hast du dem Punk damals den Rücken gekehrt?
Hauptsächlich wegen einer bestimmten Erfahrung: The Clash hatten 1980 in der Philipshalle [heute Mitsubishi Electric Hall] gespielt, wir waren mit Male Vorgruppe. Die kamen mit Bussen und Sattelschlepper an, wir mit einem Opel Kombi. Da war uns schon klar, dass wir nicht im gleichen Boot sitzen würden.
Vor unserem Auftritt kam ein Roadie oder der Manager von The Clash zu uns und fragte, wie viel Geld wir für unseren Auftritt bekommen würden. Das waren 200 Mark, die wollte der uns abknöpfen, mit der Begründung, dass wir ja wohl auch Licht und Sound bräuchten. Irgendwie hatten wir uns dann auf 100 Mark geeinigt. Das Ende vom Lied: Soundcheck konnten wir nicht machen, weil The Clash zu lange rumgetrödelt hatten, und als wir dann spielten, hatten sie uns die Monitorboxen nicht angeschaltet und gerade mal eine Funzel auf die Bühne gestellt. Ich stand die ganze Show über vorn am Bühnenrand und versuchte, über die PA zu hören, was meine Jungs zehn Meter hinter mir spielten.
Nach dem Ding war mir klar: Punk ist für mich gestorben ... oder besser: Das, was ich bis dahin unter Punk verstanden hatte, konnte ich mir abschminken: Rebellion, die Dinge ändern wollen. Von da an wollte ich etwas radikal anderes machen, den Punk zwar noch im Herzen tragen, aber mit solchen Sachen nichts mehr zu tun haben. Das war kein Punk, das war ein Geschäft. Überhaupt: Diese ganze Szene hatte sich da schon gewandelt: da ging’s nur noch um Prollen, Saufen und Abhängen. Das ist sowieso nie mein Ding gewesen.

die krupps 2019
Und dann kamen Die Krupps, mit denen du gerade ein neues Album veröffentlicht hast. Vision 2020 Vision ist das erste Album, das als komplette Band aufgenommen wurde, richtig?
Die Basics hab ich hauptsächlich hier produziert, also die ganze Elektronik und schon einige Gitarrenparts. Ich wollte unseren neuen Drummer involvieren, Paul Keller, der ist super. Dessen Bruder spielt bei Maffay in der Band, und die haben ein Studio, auch in Hamburg. Da lag es nahe, dass ich rüberfliege, wenn die Band ihre Parts einspielt und ich meine Vocals aufnehme. Letztlich war also die komplette Band involviert, ja.

Dennoch geht das Album stilistisch wieder ein ganzes Stück zurück, ist elektronischer als der Vorgänger, und grooviger. Erinnert stark an die drei großen Krupps-Alben der Neunziger ...
Sehe ich auch so, vor allem den Verknüpfungspunkt zu Odyssey Of The Mind. Ein bisschen Final Option noch. Sequencer und Metal ergeben hier eine schöne runde Sache. Mit dem letzten Album hatten wir uns in eine etwas andere Metal-Richtung bewegt, Krupps-untypischer, mehr Hardcore und kaum Single-tauglich. Ich habe die meisten der Songs auch nicht so gern live gespielt. Diesmal hab ich die Songs von vornherein anders geschrieben. Es war mir wichtig, mal wieder ein waschechtes Krupps-Album zu machen: groovig, homogen, clubtauglich, mit guten Hooks und Melodien, die sofort im Ohr bleiben.


Demgegenüber steht die eher düstere Thematik, die sich durch das komplette Album zieht. Ihr zeichnet ein Zukunftsszenario, das sich niemand wirklich ausmalen will.
Das ist eine Bestandsaufnahme, wir reflektieren den Zeitgeist. Die aktuelle Situation gibt aber auch nichts anderes her. Schau dir das Cover an: eine Collage aus mehreren Städten. Überall dort ist es im Moment brenzlig. Ganz zum Schluss hab ich noch eine Stadt durch Istanbul ersetzen lassen. Jeden Tag ist in den Nachrichten zu sehen, dass die falschen Leute am Drücker sind. Ich habe hier immer Nachrichtensender laufen, davon fließt einiges ein. Die Zukunft sieht nicht rosig aus, die Vision von 2020 kann einfach keine schöne sein. Und auch der Zulauf, den die Rechten überall bekommen: Das ist noch viel krasser als vor 20 Jahren, als Fatherland aktuell war. Es brennt!

„Es ist noch viel krasser als vor 20 Jahren, als Fatherland aktuell war.“


Sehr auffällig ist auch das Genesis-Cover The Carpet Crawlers. Warum dieser Song?
Ich habe nach einer Nummer gesucht, die charakterlich in Richtung Alive von der Odyssey Of The Mind geht. Das sollte etwas sein, das die Köpfe verdreht, das die Leute fragen lässt: „Hä? Was machen die da?“ Dann erinnerte ich mich daran, dass Peter Gabriel 1982 in einem Interview gefragt wurde, wo diese Industrial-Einflüsse auf dem Security-Album herkämen. Seine Antwort: Er habe viel die Stahlwerksinfonie gehört. Da wusste ich: Ich muss mal Genesis checken. Die waren mal richtig innovativ, bevor sie Pop machten und Mainstream wurden. Ich bin also meine Platten durchgegangen und habe The Carpet Crawlers gehört. Das war es!
Ich denke, das ist ein Song, der die Leute echt zum Hinhören zwingt. Hier konnte ich auch mal gesanglich aus mir rauskommen. Klar, ich hab bei Krupps auch hier und da schon wirklich gesungen, aber bei den Straight-Forward-Nummern sind das ja eher Shouts. Das war eine Herausforderung.

Heißt, der Song war schwer zu singen?
Kann ich gar nicht mal so sagen. Es gab einen Probelauf und beim zweiten Durchgang lief das schon. Der eigentliche Song besteht aus einem Take, den ich komplett durchgesungen habe. Das macht heute kaum jemand so. Da wird jede Zeile, jeder Chorus mit Harmony-Vocals versetzt und dreifach gedoppelt. Da ist alles glatt, es fehlt jede Nuance in der Stimme. Ich hasse so was, mag es, ehrliche Vocals zu präsentieren und nicht irgendwas zu verfälschen. Bei dieser Nummer war das besonders wichtig.


Die Tour zum Album steht unmittelbar bevor. Seid ihr heiß?
Ich freue mich schon richtig. Ich hatte noch nie eine Band, die besser war. Das sind alles richtig gute Musiker, und wir kommen auch privat gut miteinander klar. Wir werden viele neue Songs spielen und dafür endlich ein paar alte in Rente schicken.

Der Vision 2020 Vision-Box liegt eine DVD mit eurem Wacken-Konzert von 2016 bei. Wie ist das, vor einem reinen Metal-Publikum zu spielen?
Man sieht am Anfang, dass das Publikum sehr verhalten war. Die Leute wussten nicht so recht, was sie mit uns anfangen sollen. Das Eis bricht etwa ab der Hälfte des Konzerts, und am Schluss sind alle Arme oben. Wir haben schon immer jedes Publikum auf unsere Seite bekommen, auch auf reinen Metal-Festivals. Das liegt wohl auch daran, dass wir ein Rock-Band-Gefüge haben und live spielen – nur die Sequenzen tuckern vom Band. Aber ich mag es, um das Publikum zu kämpfen.

„Wir können uns alles erlauben.“


Ist es nicht auch eine Form von Freiheit, die Die Krupps als eine Band an der Schnittstelle von mehreren Genres genießt?
Absolut. Das ist auch der Grund, warum Die Krupps für mich nach wie vor so reizvoll sind. Ich bin weit davon entfernt, alles gemacht oder gesagt zu haben. Es gibt keinen Grund, die Band ad acta zu legen. Egal ob Industrial, EBM, Crossover oder Electro-Metal: Wir haben ja alle diese Genres mit losgetreten, bevor es dafür überhaupt Begriffe gab. Wir können uns frei in diesen Bereichen bewegen und es würde niemals jemand sagen, dass wir auf irgendeinen Zug aufgesprungen sind. Wir können eine Metal-Platte wie die V auf die sehr elektronische The Machinists Of Joy folgen lassen und zwischendurch die Stahlwerksinfonie neu auflegen – das wundert weder jemanden noch wird uns gesagt, dass das so nicht ginge. Wir können uns alles erlauben.

Du bist kürzlich 59 geworden ...
Und ich fühle mich wie 35. Ich werde nicht älter, keine Ahnung, was da passiert ist. Das ist echt irre, ich bin noch der gleiche Typ wie vor 20 oder mehr Jahren. Alter ist für mich einfach ein Witz. Weder körperlich noch geistig fühle ich mich so, wie es vielleicht mein Vater in dem Alter tat. Irgendwie bin ich verkehrt gepolt, irgendwas ist bei mir falschgelaufen.

die krupps vision 2020 vision

Die Krupps live 2019:
21.11. Oberhausen, Kulttempel
28.11. CH-Aarau, Kiff
29.11. Siegen, Vortex
30.11. Glauchau, Alte Spinnerei
01.12. Berlin, Kesselhaus
02.12. München, Strom
03.12. Wiesbaden, Schlachthof (Kesselhaus)
04.12. Hamburg, Logo
11.12. A-Wien, Arena
14.12. BE-Sint-Niklaas, De Casino (BIMfest)

www.diekrupps.comamazon button
Fotos: Franz Schepers


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