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Depeche Mode -

Wie aus einem Witz plötzlich Tatsache wurde

Music For The Masses – so lautete der Titel des sechsten Albums von Depeche Mode. Der Vorschlag kam von Songwriter Martin L. Gore, nachdem dieser in einem Plattenladen Volksmusik-LPs mit dem Sticker Music For Millions gesichtet hatte: „Das ist ironisch gemeint. Wir empfinden unsere Musik überhaupt nicht als massentauglich, auch wenn sie in manchen Ländern tatsächlich viele Menschen anzusprechen scheint. Wir wählten ihn, weil neben Ironie auch Arroganz darin steckt.“

Der neue Depeche-Mode-Sound sollte organischer wirken, weshalb neue Studios bezogen und andere Produzenten gewählt wurden. Neben Alan Wilder war es vor allem Dave Bascombe, der die Regler in der Hand hatte. Das Puk-Studio in der dänischen Einöde sollte Ablenkungen, vor allem ausschweifende Partys wie in den Berliner Jahren zuvor, unterbinden. Mit Erfolg: Strangelove war ruckzuck im Kasten, erschien am 13. April 1987 als Single und entwickelte sich zum Superhit. Die instrumentale B-Seite Pimpf verblüffte mit orchestralen Sounds und somit mit Elementen, die der nächsten Single Never Let Me Down Again maßgeblich ihren hymnischen Charakter verliehen. Die Belohnung: Zwei Mal Platz zwei der deutschen Singlecharts.

depeche mode music for the masses album cover artwork

Music For The Masses erschien am 28. September 1987, und in der Tat: Der Klang gestaltete sich im Vergleich zu den eher mechanisch und metallisch tönenden Vorgängern dynamischer, komplexer und wärmer. Auch optisch machte das Album mit einer simplen Idee einiges her: Orangefarbene Lautsprecher wurden in natürlichen Landschaften installiert und fotografiert. Auch im neuen Bandlogo, im Bühnendesign sowie in den Videoclips zum Album tauchten sie immer wieder symbolhaft auf.


Die bis dahin ausgedehnteste Tour begann am 22. Oktober 1987 in Madrid. Nach Europa (Vorband: Front 242) folgte Teil eins der US-Tour. Nach einer kleinen Weihnachtspause ging es direkt zu Beginn des nächsten Jahres unter anderem in England und Skandinavien weiter und das erste (und letzte) Konzert in der DDR stand auf dem Tourplan – ein Ereignis mit seiner eigenen Geschichte, die erst kürzlich in allen Details aufgearbeitet wurde (→ Depeche Mode und die DDR). Depeche Mode waren in manchen Teilen der Welt längst ein Massenphänomen.

Good evening Pasadena!

Auf vier Shows in Japan folgte Ende April 1988 die mit 31 Konzerten ausgedehnteste DM-Tournee durch Nordamerika. Das Tourfinale sollte in der Rose Bowl Arena vor den Toren von Los Angeles stattfinden. Noch keine Band hatte das 70.000 Menschen fassende Stadion der Stadt Pasadena restlos zu füllen vermocht.
OMD begleiteten die US-Tour. Sänger Andy McCluskey berichtete: „Wir verdienten pro Abend 5.000 Dollar und verloren ein Vermögen wegen unserer viel höheren Kosten. Ich glaube, zum Tourende schuldeten wir der Plattenfirma mehr als eine Million Pfund.“ Ihren Spaß hatten OMD dennoch, sei es beim Cricket gegen Depeche Mode oder bei den Aftershowpartys: „Die Partys auf der Tour wollten nicht abreißen“, so McCluskey, „es war schon komisch, denn wir waren zwei Bands, die damals den Ruf genossen, absolut sauber zu sein. Und dann benahmen wir uns alle wie die Tiere.“


Von dieser Seite des Tourlebens, von Sex, Drugs and Rock’n’Roll, ist nichts im Konzertfilm zu sehen, den D. A. Pennebaker während der US-Tour für Depeche Mode drehte. Auch andere Dinge, wie diverse Streits untereinander und eine Schlägerei zwischen Andy Fletcher und Alan Wilder, blieben natürlich außen vor bei dem, was später den Titel 101 tragen soll, abgeleitet von der Gesamtanzahl Konzerte dieser Tournee.
Regisseur Pennebaker, auf dessen Konto schon der bekannte Dylan-Film Don’t Look Back ging, und sein Kamerateam begleiteten Depeche Mode und eine Gruppe von Fans, durch die USA. Unter den Fans, die als Sieger eines Tanzwettbewerbs eine Busreise zu verschiedenen Konzerten ihrer Stars gewannen, befand sich der heute als The Horrorist bekannte Electro-Musiker Oliver Chesler (links auf dem Foto).

depeche mode 101 the fans
Anders als üblich, sollte 101 keine Dokumentation werden, die mit gestellten Szenen die Stars ins rechte Licht rückte, sondern das reale Leben der Musiker durch den Blick einer Kamera darstellen. Auflagen hatte der Regisseur keine, und so filmte Pennebaker 150 Stunden Rohmaterial ohne Drehbuch – und ohne die Band zuvor gekannt zu haben, was Vor- und Nachteile hatte. Vorteile, da sein Blick unverstellt und objektiv war, Nachteile, da Pennebaker keine Ahnung hatte, wie Depeche-Mode-Fans ticken und was sie über ihre Band gern wüssten. Dadurch war sein Fokus oftmals etwas unglücklich gesetzt.

101 ist gleichzeitig Road Movie und Konzertmitschnitt, gibt oberflächlich Einblick in die Fankultur und stellt dar, mit welchem enormen unternehmerischen Risiko die Tour und vor allem das gigantische Abschlusskonzert verbunden waren. Denn obwohl Depeche Mode bereits mehr als eine halbe Million Exemplare von Music For The Masses in den USA verkauft hatten und auch die beiden vorangegangenen Alben in den Charts aufgetaucht waren, galten sie nach wie vor als Indie-Band, die von den Massenmedien so gut wie nicht wahrgenommen wurde. Unterstützung erhielten sie vom Alternative-Radiosender KROQ aus Los Angeles, der nicht nur regelmäßig die Songs spielte, sondern als Präsentator ordentlich Rabatz für das 101. Masses-Konzert machte.


Mute-Chef Daniel Miller: „Das Rose-Bowl-Konzert hatte einen erheblichen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung der Band. Das war auch so geplant. Es war ein gewaltiges Wagnis, sich für eine Show an diesem Ort zu entscheiden. Dass sie sofort ausverkauft war, war einfach unfassbar.“ Dave Gahan wollte auch den Kritikern in seiner Heimat etwas beweisen, er sagte: „Das Problem mit den Briten ist, dass sie Depeche Mode immer künstlerisch unterschätzt haben ... Das ist auch einer der Gründe, weshalb wir den Film haben drehen lassen. Wir wollten so dargestellt werden, wie wir wirklich sind. Wenn man uns dann noch immer für Idioten hält – scheiß drauf!“

101 sollte vorerst in ausgewählten Kinos laufen. Der vorangegangene Misserfolg von Rattle And Hum, ein weitaus aufwendigerer Musikfilm von U2, verhieß jedoch kaum Gutes für das Unternehmen. Nach seiner Premiere im Rahmen der Berliner Filmfestspiele 1989 wurde der Film schließlich nur noch bei einigen Pressevorführungen halb-öffentlich gezeigt. Doch auch Fans bekamen bald die Möglichkeit, den Film zu sehen: Als VHS-Kassette und später auf DVD wanderte er bis heute hunderttausendfach in private Abspielgeräte.

depeche mode 101 album cover artwork

The grabbing hands grab all they can

Parallel, am 13. März 1989, erschien 101 als reiner Tonträger, begleitet von der Single Everything Counts (Live), die damit sechs Jahre nach Erstveröffentlichung ihre Reinkarnation erlebte. Der Videoclip zur Single gleicht einer Zusammenfassung des Konzertfilms. Darin wird auch der finanzielle Aspekt der Tour angeschnitten und wie wichtig Merchandise-Artikel wie T-Shirts bei der Finanzierung einer Tour geworden sind (siehe Video-/Albumcover). Allein der Verkauf der Tickets für dieses eine Konzert brachte einen Bruttoumsatz von 1.360.192 Dollar und 50 Cent, hört man den Buchhalter und späteren Bandmanager Jonathan Kessler sinngemäß sagen.


101 zählt zu den besten Livealben der Musikgeschichte. Sein räumlicher Klang und die darin transportierte Energie sind einzigartig. Hinzu kommt, dass die 1987 und 1988 gespielten Liveversionen oft durch markante Zwischenteile verlängert und intensiviert wurden. Gute Beispiele: Stripped, Never Let Me Down Again und Everything Counts. In England erreichte 101 mit Platz sieben eine höhere Chartsnotierung als das dazugehörige Studioalbum (Platz zehn), eine ähnliche Kuriosität wird sich in der Musikwelt kaum finden lassen.

Martin Gore: „Dieses Doppelalbum markiert das Ende einer Ära, das Ende eines Jahrzehnts. Wir hatten 1980 angefangen, 101 kam 1989 heraus und unser nächstes Material wird es nicht vor 1990 geben – sollten wir ins nächste Jahrzehnt kommen.“

Das kamen sie, und wie! Schon im August 1989 waren Depeche Mode mit neuem Material zurück: Personal Jesus kündigte das Album Violator an, und dann wurde es erst so richtig verrückt.


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Bildmaterial & Clips: Mute Records, Anton Corbijn, D.A.Pennebaker


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