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Fortyfication-Festival, Berlin, Ende November 2018. Die Pioniere des deutschen Dark Electros nordamerikanischer Bauart geben sich die Ehre und spielen unter anderem drei ganz neue Songs. Keine Selbstverständlichkeit, bedenkt man, dass sich die Band Placebo Effect 1999 aufgelöst hatte und fortan nur sporadisch oder für einige Shows in größerem Rahmen wieder zusammenfand. Der unerwartete Tod ihres einstigen musikalischen Mitstreiters Achim Windel ließ Christoph Kunze und Frontmann Axel Machens wieder zusammenrücken – menschlich und musikalisch. Sie fangen noch einmal von vorn an. 2019 wird es weitere Konzerte geben. Und Shattered Souls, das erste Studioalbum seit 25 Jahren.


Wie ist die Show gelaufen? Alles wie geplant?
Axel [lacht]: Das kann ich gar nicht so richtig sagen. Ich gehe nur mit einem grob arrangierten Konzept auf die Bühne. Vieles ist improvisiert und entsteht im Moment. Man kann eine Show schwerlich durchplanen, da Bühne, Licht und Umstände jedes Mal anders sind. Ich habe mich sehr wohl gefühlt und es als intensives Erlebnis empfunden. Es war auch ein rundum tolles Team und ein großartiges Publikum. Danke! Was will man als Künstler mehr?

Fühlt ihr euch generell wohl in Berlin?
A: Ich kenne Berlin recht gut, habe zehn Jahre in Pankow gelebt. Jetzt wohne ich ganz in der Nähe, in Brandenburg. Aber ehrlich? Uns ist die Stadt etwas zu stressig geworden.
Christoph: Wir haben jetzt zum fünften Mal in Berlin gespielt. Natürlich sieht man auch mal was von der Stadt, da wir immer in einem anderen Club waren. Ich mag aber generell keine Großstädte, lebe lieber auf dem Lande. Deshalb kann ich nicht behaupten, dass ich mich hier wohl fühle.

Wie bereitet ihr euch in den Tagen vor einem Konzert vor?
A: Ich beschäftige mich damit bereits einige Wochen zuvor. Komischerweise fallen mir aber erst einen Tag vor dem Gig, zum Leidwesen meiner Frau, noch irgendwelche Sachen ein, die ich auf der Bühne machen möchte. Dann wird es oft richtig stressig. Überhaupt sind Christoph und ich heute unglaublich aufgeregt und auch unsicherer und bühnenscheuer geworden. Vor vielen Menschen zu agieren ist eine wirklich große Herausforderung.

„Wir wollen mit dem Album dort anknüpfen, wo wir als Placebo Effect damals aufhörten.“


Drei neue Songs wurden ins Set integriert. Wie läuft die Produktion des Albums?
A: Die Songs kommen alle auf das Album. Nothing To Cry, Slave – das ist noch ein Arbeitstitel – und Christal White Snow. Die Rohfassungen aller Titel stehen und werden nun überarbeitet, bis wir mit dem Ergebnis zufrieden sind. Heute entstehen verschiedene Versionen eines jeden Songs, das können auch mal zehn sein, aus denen wir später eine wählen. Wir wollen mit dem Album dort anknüpfen, wo wir als Placebo Effect damals aufhörten, und Shattered Souls schwebt als Konzept seit den Neunzigern in unseren Köpfen herum.



Was kann bereits hinsichtlich der stilistischen Ausrichtung des neuen Materials verraten werden?
A: Eine Mischung aus Galleries Of Pain und Slashed Open. Ich denke, es wird ein sehr düsteres Album. Und es wird rein elektronisch. Versprochen! Wir haben die für Placebo Effect typischsten Tracks ausgesucht, bei denen wir das Gefühl haben, zu Hause zu sein und eine gute Brücke vom Gestern in die Gegenwart zu schlagen. Wenn es nach dem Album noch weiter gehen sollte, werden die Songs aber experimenteller ausfallen.

Was inspiriert euch heute beim Schreiben und Produzieren? Was ist anders als früher?
A: Da gibt es ganz viel; Nachrichten, Filme. Und natürlich sind wir auch älter geworden. Haben anderes erlebt als damals um die 20. Wir wissen nun, wie es sich anfühlt, liebe Menschen zu verlieren, den einen oder anderen Lebenstraum über Bord zu werfen und was es heißt, Lebenskrisen überwinden müssen. Das sind ganz andere Inspirationsquellen als vor 30 Jahren, mit entsprechend Einfluss auf das neue Album. Ein Song wird eine Veränderung beschreiben, ein persönliches Erlebnis, nachdem sich unser Berliner Kiez innerhalb von fünf Jahren völlig verändert hatte. Plötzlich fühlten wir uns in unserem Zuhause als Fremde.
C: Die Produktionsweise ist anders geworden. Früher haben wir uns einmal die Woche im Proberaum getroffen, uns gegenseitig unsere neuen Ideen vorgespielt und dann gemeinsam ausgesucht, welche Ideen oder sogar fertige Songs weiterentwickelt werden. Es gab ja weder Handys noch Internet! Heute schicken wir uns per Internet Sequenzen zu und arbeiten online gemeinsam an den Songs. Wegen der räumlichen Trennung geht das ja auch gar nicht mehr anders.

Habt ihr noch Augen und Ohren für die aktuelle Dark-Electro-Szene? Was ist auffällig, wer setzt Impulse und wohin geht die Entwicklung?
A: Das ist schwer zu beantworten, da ich ganz anders als früher Musik konsumiere. Ich nutze jede freie Minute für die Erschaffung elektronischer Sounds und höre kaum noch andere Künstler. Das sollte ich aber unbedingt wieder häufiger tun. Ich besitze nicht mehr die CDs, sondern gehe ab und an zu einem Konzert und höre mir die Bands lieber live an. Das hat eine ganz andere Dynamik für mich. Martin Sane von Fix8:Sed8 ist ein Kumpel, der uns wahnsinnig unterstützt. Ich empfinde ihn als jemanden mit sehr, sehr großem Talent. Wir pflegen auch weitere gute Kontakte, was ich als sehr schöne Veränderung zu damals empfinde, als sich alle aus dem Weg gegangen sind. Amorphous, Full Contact69 und Jihad haben uns auch sehr überzeugt. Und Pyrroline sind klasse. Entwicklung kann nur stattfinden, wenn wir die Vorbilder der späten Achtziger und frühen Neunziger hinter uns lassen. All die genannten Bands haben so viel Potenzial, dadurch entwickelt sich Dark Electro von allein weiter.

„Ich bringe von Konzerten immer einen kleinen Stein oder etwas Erde mit und lege dies auf Achims Grab.“


Vor etwas mehr als zwei Jahren musstet ihr den Verlust eures Bandkollegen hinnehmen. Was hat sich seit dem Tod Achims verändert? Wo und wann vermisst ihr ihn besonders?
C: So komisch es auch klingen mag, aber der Tod von Achim hat Placebo Effect wieder auferstehen lassen. Wir hatten 2014, als wir auf dem WGT spielten, das letzte Mal Kontakt zueinander. Von Axel hatte ich damals nur eine E-Mail-Adresse, von der ich nicht wusste, ob sie überhaupt noch aktuell ist, und Achim traf ich ab und zu in der Stadt, da er nur einen Kilometer von mir entfernt wohnte. Aber mehr als ein Hallo haben wir kaum gesagt. Manchmal ein kurzer Smalltalk, aber das war es auch schon. Im Grunde haben wir alle nur darauf gewartet, dass in zehn Jahren wieder eine Anfrage vom WGT kommt und wir als Gruft-Greise noch mal die Bühne entern können. Jeder lebte sein Leben, was auch völlig ok war. Dann bekam ich die Nachricht von Achims Tod, die mich völlig schockierte. Er war zwar der älteste in der Band, aber mit Abstand der sportlichste und vermutlich auch derjenige, der am gesündesten lebte. Das war alles so plötzlich und unerwartet. Mit fiel die Aufgabe zu, Axel und den Crewmitgliedern die Nachricht zu überbringen; seitdem stehen wir wieder in Kontakt. Wir hatten dann die Idee, im Rahmen eines kleinen privaten Konzertes mit Freunden und ausgewählten Fans Achims Werk zu würdigen. Aus dieser Idee entwickelte sich die Wiederaufnahme und Fortführung von „Shatter“. Achim hatte viel Erfahrung, was den Songaufbau und die Struktur angeht, und das fehlt uns jetzt. Technisch gesehen ist Achim live zu ersetzen, trotzdem fehlt er menschlich natürlich. In Gedanken und im Herzen ist er aber immer bei uns und wer genau hinschaut, wird ihn auch auf der Bühne entdecken. Was ich jetzt immer noch mache, ist, dass ich von einem Konzert einen kleinen Stein oder etwas Erde mitbringe und bei Achim aufs Grab lege.

Wenn ihr an eure Anfänge zurückdenkt: Woran erinnert ihr euch besonders stark und/oder gern?
C: An die ersten Aufnahmen bei Danse Macabre und an das legendäre Konzert im Knaack-Klub 1994, als Rammstein unsere Vorgruppe war!
A: Ja, die Arbeit mit Bruno Kramm. Was für ein unglaubliches musikalisches Talent. Genial! Aber auch daran, wie Christoph und ich uns kennenlernten und unser erstes Treffen. Wir haben sogar noch das Tape mit den allerersten Aufnahmen.

„Alle Labels schielten auf die Tanzflächen, da war kein Platz für eine Band mit atmosphärischen Soundgebilden.“


Seit Manipulated Mind Control von 1994 ist kein neues Studioalbum von Placebo Effect erschienen. Man hörte hier und da, dass ein solches so gut wie fertig sei, dann aber wieder verworfen wurde. Was genau lief damals vor der Auflösung?
A: Die Produktion der Manipulated war eine Katastrophe. Ich empfinde diese Zeit als die große Zeit des Ausverkaufs von Bands. Es wurde bei uns nichts mehr in eine gute Produktion investiert. Der Sound, der uns vorschwebte, wurde nicht im Entferntesten erreicht. Später war es so schlimm, dass wir kein Wort mehr miteinander sprachen. Christoph und ich haben das Album irgendwie fertiggestellt. Da war auch ein unglaublicher Druck. Alle Labels schielten auf die Tanzflächen, also solltest du einen Hit haben, und da war kein Platz für eine Band mit atmosphärischen Soundgebilden. Ich bin so froh, dass Christoph Last Walk geschrieben hatte. Bei diesem Track klappte alles. Und als der Gesang abgemischt war, hatten wir Gänsehaut. Wenn es einen Titel gibt, über den ich sagen kann, dass so eigentlich das komplette Album hätte klingen sollen, dann ist es dieser. Dann die Zeit nach der Veröffentlichung ... Wir kamen nur mit juristischer Unterstützung aus dem Plattenvertrag [mit Ausfahrt Records – Anm. d. Verf.]. Wir mussten noch die Compilation Past – Present bei dem Label machen. Der ganze Ärger und auch das Gefühl, nicht mehr weiterzukommen, spaltete uns als Band. Als wir unseren letzten Gig Mitte der Neunziger spielten, fühlte es sich an, als würden Fremde aufeinander treffen. Jeder ging seiner Wege bis zum WGT 2004.
C: Alien und Chlorid von der Past – Present waren zwei neue Songs, die für ein komplett neues Album vorgesehen waren. Das kam aber aus besagten vertraglichen Gründen nicht mehr zustande.



Und später? Nach dem WGT-Gig zum Beispiel: Wie konkret wurden die Pläne für eine neue Veröffentlichung unter dem alten Namen?
A: Beim WGT 2004 war unser Verhältnis noch angespannt. Aber die Tür der Annäherung war wieder offen. Wir hatten auch viel miteinander gelacht und nach dem Gig war uns klar, dass die größten Differenzen überwunden waren. Es keimte auch kurz die Idee eines Albums auf, verebbte aber wieder. Vor dem WGT-Gig 2014 hatten wir verabredet, ein Wochenende lang zu proben. Wir waren bei Achim eingeladen und er hatte sich einen kleinen Proberaum eingerichtet. Als wir uns 1989 fast jedes Wochenende trafen, fand dies immer bei Achims Eltern statt. Sie hatten einen ausgebauten Heuboden, wo wir unsere Synths und Drum-Maschinen anschlossen und einfach drauflosspielten. Genau so war es wieder an diesem unvergesslichen Wochenende. Als die ersten Sounds aus den Boxen krachten, waren alle Spannungen wie weggewischt. Unglaublich. Dann stand fest, dass Placebo Effect wieder da sind und Shattered Souls produzieren würden.

Was liegt als nächstes an? Wie würde sich das Jahr 2019 idealerweise für Placebo Effect gestalten?
A: Wir möchten das Album fertig bekommen. Dann spielen wir bei der Nocturnal Culture Night, worauf wir uns schon sehr freuen. Ein tolles Festival mit sehr schöner familiärer Atmosphäre. Video ist ein interessantes Medium. Wir haben neue Möglichkeiten entdeckt, um unsere visuellen Vorstellungen zu Musik in Bilder zu übersetzen. Und natürlich weiter Sounds zu entdecken. Du kannst heute in ein Geschäft gehen und für einen erschwinglichen Betrag analoge Synths kaufen, beispielsweise einen Moog oder den Korg MS20 ... was für eine geniale Zeit! Wer hätte dies vor 20 Jahren gedacht?

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